Wenn es um seine Lieblingssendung im Fernsehen ging, verstand Bauer Harms keinen Spaß. Und heute Abend war es wieder so weit. Als Berta nach Hause kam, erkannte sie mit einem Blick, dass „Landfunk“ seine Schatten voraus warf. Der große Sessel stand in der Mitte vor dem Fernseher, in einem Halbkreis links und rechts davon Bierflaschen in gleichmäßigem Abstand. „Saubere Arbeit“, dachte Berta, „wie beim Kegeln, hinterher liegen sie überall rum.“ Wenig später kam Bauer Harms im Bademantel aus dem Schlafzimmer, damit waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Während er wie immer um diese Zeit sich und die Vorzüge guter Regiearbeit ausbreitete, tat Berta mit ihrem Kreuzworträtsel in der Küche das gleiche.

Die Küchenuhr tickte mit dem Brummen des Kühlschranks zusammen ihr Schlaflied. Die Buchstaben des zur Hälfte gelösten Kreuzworträtsels schwammen weich in den müden Augen der Bauersfrau, die nur kurz zuckte, wenn aus dem Wohnzimmer Geräuschfetzen des Fernsehers brachen. Bauer Harms kannte vermutlich nur Anfangsteile von „Landfunk“, denn auch er hing tief im Fernsehsessel und schlief wie immer um diese Zeit. Plötzlich zerriss der Türgong mit der Melodie des Big Ben die Stille. Berta zog eine unkontrollierte Kugelschreiberlinie über den Küchentisch während sie langsam zu sich kam. Dann trottete sie zur Tür, öffnete und blickte direkt in eine freundliche Sonnenblume. Beinahe hätte sie auch die Blume gegrüßt, wenn sich nicht ein Gesicht dahinter gezeigt hätte. „Hallo, ich bin die Renate. Wir sind die neuen Nachbarn auf dem Hof vom Müller. Wir machen da ein Agrarkollektiv, alles biologisch und so. Dürfen wir reinkommen?“ Die verdutzte Berta trat mit ihrer Blume zu Seite und ließ etwa drei junge Leute rein, deren Kleidungsstil nach zu urteilen sie früher als Hippies bezeichnet worden wären. In den Augen hatten sich inzwischen Fragezeichen breit gemacht, als sie den neuen Nachbarn in die Küche folgte. Die hatten sich schon leidlich eingerichtet. Renate suchte in den Unterschränken nach etwas vasenähnlichem und einer der beiden Männer hatte eine Flasche auf den Tisch gestellt. „Habt Ihr Gläser? Ich hab hier selbstgemachen Met, danach geht es rund wie im Bienenschwarm!“ Der zweite junge Mann war offensichtlich bei Bauer Harms rein, denn plötzlich schlugen die leeren Flaschen Alarm. Und dann Bauer Harms.

„Wer bist du denn?“, brüllte er und schoss wie eine Rakete aus dem Sessel. „Mal easy, Mann. Ich bin der Tobi. Wir sind die Neuen von drüben, Nachbar.“ Dabei machte er sich mit einem Feuerzeug eine Bierflasche vom Hausherrn auf. Dessen Augen bemühten sich vorzutreten, um eine bessere Übersicht zu bekommen. „Jetzthabichaberhierwohnichundschluss!“, fasste er seinen Zustand zusammen, aber Tobi hatte sich im Schneidersitz vor ihm auf dem Teppich ausgebreitet und fing an, eine Zigarette zu drehen. Den Rest biss er ab und spuckte ihn zur Seite. „Hör mal Alter, hab ein bisschen in Deinem Schuppen geschaut, du benutzt ja echt heavy Zeug. In was für einer Welt lebst du eigentlich?“ Bauer Harms brauchte Beistand, stampfte in die Küche und da saß Berta mit ein paar weiteren Freaks. Wenn er das richtig verstand, tauschten sie Rezepte aus – Berta kritzelte interessiert mit, während eine Hennarote ihm kurz ein V-Zeichen zuwarf und dann weiter redete. Der andere reichte ihm ein Glas. Harms trat den Rückzug in das Wohnzimmer an, hier war nur einer und den kannte er wenigstens schon. „Sag mal, von Landwirtschaft wisst ihr doch nix und Müllers Hof war bestimmt günstig. Wovon wollt ihr eigentlich so leben?“ „Du, wir versorgen uns komplett selbst. Vor den industriellen Zwängen haben auch schon Menschen gelebt, bevor der Kapitalismus die Felder vergiftet hat. Und was wir über haben, verkaufen wir in unserem Hofladen!“. „Meinst du denn, ohne Dünger wächst was?“. „Wir machen lieber was mit Mist und Brennnesseln. Immer mehr Leute merken, dass was nicht stimmt und kaufen für ein paar Münzen mehr lieber natürlich.“ Da wurde Bauer Harms langsam wieder wach.

Neue Zielgruppen interessierten Harms schon länger – nach einigen Stunden und Glas Met witterte er seinen Vorteil. Von den Clowns in Müllers Hof erwartete er zwar keine großen Sprünge, aber in seinem Wirtschaftsblatt hatte er schon von der Stärke alternativer Ansätze gehört. Was wäre, wenn er die Scheune Richtung Süden mit Solarpanels decken würde und selber einen Hofladen aufmachte? Sich unabhängig vom Landhandel machen, Dünger sparen, selber verkaufen? Von den neuen Nachbarn würde er sich die nötige Show abschauen. In einer Vision sah er Berta mit einem grünen Kittel, auf dem „Harms-Biohof“ stand.

„Ich bin der Rolf“, sagte er zu Tobi und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter, dann steuerten sie gemeinsam in die Küche und setzten sich zu der fröhlich schwatzenden Gruppe.

Aus dem Plattdeutschen übertragen von R. Marggraff
Kontakt: harms@faktwert.de