Hamburg, 07. Juni. An der Tankstelle sitzt Bauer Harms in seinem alten Strich-Achter und beobachtet, vollschlank hinter dem Lenkrad verkeilt, die bunten Zapfventile der Zapfsäulen. Da prangt das neue E10. „Wenn ich das jetzt tanke, stopf ich dem Bauer Martin Geld in den Rachen. Der hat mit seinem Mais schon genug Mäuse gemacht. Und wenn ich das nicht tanke, zahl ich mehr!“ Harms trübe Gedanken werden durch jähes Hupen unterbrochen. „Willst du tanken oder schlafen, Opa?“, brüllt einer von diesen naseweisen 3er-Fahrern, denen die großen Zusammenhänge glatt am rasierten Schädel vorbei gehen. „Tanken ist eine Wissenschaft“, brüllt Harms nur wenig zeitverzögert zurück, da das Fenster noch von Hand runter gekurbelt werden will. Die Zeit des Kurbelns hat der 3er genutzt, um sich dem Fenster zu nähern. Um so überraschter ist unser Bauer, als er die anschwellenden Adern am Hals unter dem Kopf mit dem seitlich rasierten Schädel entdeckt. „Wenn du deine Rostlaube hier nicht bald wegschaffst, mach ich das, Digger!“ „Dann erzähl du mir mal, ob E10 günstiger ist, wenn deine Karre mehr damit verbraucht, du Schlaumeier“, erwidert Harms. „Ich tank eh SuperPlus, ist besser für die Dichtungen.“ Aber der Bauer will es genau wissen. „Wenn das so bio ist, dann erzähl mir mal, warum dafür riesige Maisflächen angelegt werden müssen, die andere Getreidesorten und deren natürliche Bewohner vertreiben“, fragt der besorgte Harms und flüstert dann, nach rechts und links schielend: „Das ist ein Komplott der Regierung, die wollen unsere alten Karren von der Straße haben, damit erzeugen die permanent Nachfrage. Denk mal drüber nach!“ Das macht selbst den sportlichen Kurzhaarträger misstrauisch, aber bevor er in die Tiefe gehen kann, hupt es anderswo. Die Tanke beginnt sich zu stauen. Einige Fahrer gesellen sich zu den Streithähnen. Als der Pächter sich endlich hinter seiner Kasse herausgeschält hat, hört er Satzfetzen wie „verringert den Importbedarf von Erdöl aus instabilen Förderländern wie Libyen“ bis „wegen dem rostet mein Motor von innen.“

„Ruhe, verdammt, Ruhe! Wer E10 nicht tanken will, soll’s lassen und jetzt ab in die Autos und einer nach dem anderen tanken!“ Auf diesen Tonfall hatte er sehr positiv zu seiner Zeit bei der Bundeswehr reagiert, die Leute drängen allerdings langsam in seine Richtung. Er spurtet zurück hinter die Kasse, wo er seine Gaspistole sucht. Die aufgebrachte Menge schiebt sich durch die Schiebetür, die sich deshalb leider nicht mehr schließen lässt. „Wie im Zombiefilm“, denkt der Mann von der Tankstelle und schießt, weil er es dort gesehen hat, in die Decke. Blitzschnell wirft der Mob Regale um und verschanzt sich schützend dahinter. Flaschen klirren. Als eine halbe Stunde später die Polizei kommt, findet sie eine chaotische Situation vor. Aufgebrachte Kunden werfen mit Chipstüten, der Tankstellenbesitzer antwortet mit Kaugummis und was der Kassenbereich noch so hergibt. „Ruhe, verdammt, Ruhe!“, schreit der Polizist, der das ebenfalls bei der Bundeswehr gelernt hat, und diesmal funktioniert es. „Wer war das?“, ist seine zweite Frage und alle zeigen etwa in die gleiche Richtung – auf Bauer Harms, der sich gerade da, wo er liegt, eine weitere kleine Flasche Magenbitter genehmigt. „Ihr Sheriffs kontrolliert mal lieber, ob für den Biokraftstoff nicht unkontrolliert Wald gerodet wird“, grunzt er und lässt ein herausforderndes Bäuerchen folgen.

So gegen Abend darf Berta ihren Mann von der Wache abholen. Nach einigem Papierkram nimmt sie den zerknitterten Harms in Empfang, bestätigt seine Vollständigkeit und zieht ihn nach draußen. „Bist du noch ganz dicht? Der halbe Vorgarten steht voller Presse, kann ich nicht einmal Einkaufen gehen, ohne dass du was anstellst? Was soll das E10-Gequatsche, du tankst doch Dieselheizöl aus der alten Tonne, du Ökobaron!“ Da bekommt Bauer Harms dieses gefährliche Lächeln, welches Berta für eine frühe Form der Demenz hält. „Der Garten voller Presse, was? Na, denen werd ich mal erzählen, wie der Mais für Ethanol langsam unsere Dorfstrukturen kaputt macht, weil da mehr gezahlt wird als für anderes Getreide. Und wie diese Monokulturen die Große Rohrdommel, die da letztes Jahr noch gebrütet hat, vertrieben hat. Das wird Nachbar Bauer Martin gar nicht gefallen.“ Berta verstand langsam die Strategie ihres Mannes. „Ja, das mit den Vögeln ist traurig. Aber womit das ganze schnellwachsende Zeug gedüngt wird, möcht ich nicht wissen. Ob das bei der Ökobilanz bedacht wird?“ Der alte Benz startet mit einer schwarzen Rußwolke und bringt die beiden sanft durch die untergehende Sonne zu ihrer ersten Pressekonferenz.