Hamburg, 23. August. Wenn man auf dem Land lebt, ist man auf ein Auto angewiesen, jedenfalls samstags. Und da in der nahen Kleinstadt Parkplätze knapp sind, ist Berta auf ihren Mann Bauer Harms als Platzhalter angewiesen. Der muss an solchen Katastrophentagen rechts sitzen, Tüten entgegennehmen und aus dem Auto rufen, dass er gleich wieder wegfährt. Unter seinem Cordhut bilden sich nach kurzer Zeit kleine Schweißflecken. Nicht nur, dass Berta falsch bremst, Gas gibt und parkt. Harms hat zusätzlich an Einkaufstagen das Gefühl, dass seine Rolle dabei unterbewertet wird. Wenn die Aktion länger dauert, kommt auch noch die Wut hinzu, dass sie das extra macht. Eigentlich ist er zu diesem Job nur bereit, weil die ungeschriebene Vereinbarung besteht, dass er auf dem Rückweg direkt vorm Dorfkrug abgesetzt wird.

Klopf, klopf, Fenster runter, Berta keift: „Also, das hier ist für Weihnachten, dies hier gibt es jetzt günstig und das hier ist für deinen Neffen, halt doch mal, dieses hier leg mal nach hinten und auf das darfst du nicht drücken.“ Fenster wieder zu. Rolf Harms überlegt, ob man als Gewicht Geld verdienen könnte. So in einer kleinen Kapsel am Kran. Wenn er sich selbst nur nicht so leid tun würde. Armer Harms. Rums, Tür auf. „Können wir dann?“ Motor an – besser. Schon beim Einfädeln hält sich Harms eine Tüte vor das Gesicht. Und erst kurz vor Nettenstedt schielt er mit einem Auge durch den Tütengriff Richtung Heimat. Richtig runter reißt er den Sichtschutz, als Berta am Dorfkrug vorbei fährt. „Stopp“, schreit er, „ich muss tanken!“ Berta haut in die Bremsen und Harms springt raus, als stünde seine Verhaftung bevor. Den ganzen Tag als Platzhalter schuften und dann vor der Tränke verdursten, was für ein unwürdiges Ende.

Rolf Harms, nur noch Schatten seiner selbst, schleicht durch den Eingang der Kneipe, aber statt Mitleid zu erheischen, sitzen da nur müde Männer, die wohl alle den gleichen Gedanken hatten: Ihr Samstagstrauerkonto hier wieder aufzufüllen. Den starren Blick in halb leere Gläser gerichtet, warten sie auf ein Zeichen, das ihnen volle Batterien signalisiert. „Was hast du denn da?“ fragt Tischnachbar Martin. „Was denn?“ steuert der Ankömmling bei und schaut in seine Hände. Erst da fällt ihm auf, dass er mit weißen Knöcheln eine Einkaufstüte an sich presst. Nachdem er sich an den Tisch gesetzt und mit einem Nicken ein Pils bestellt hat, schaut er mit Martin in die Tüte. Das große Bingoset mit Lostrommel lacht ihnen entgegen. „Hast du heute Geburtstag, Rolf?“ kichert Martin. Und nach zwei, drei Getränken fangen die beiden an, den Karton auszupacken. Langsam kommt auch Leben in die anderen und erste zaghafte Sprüche werden herüber geworfen. „Altersheim?“ fragt der eine. „Günstig eingekauft für Weihnachten?“ vermutet ein weiterer. Eine halbe Stunde später sitzen etwa sieben Männer um den Tisch und spielen Bingo um Bierdeckel.

Nachdem Berta ihre Beute gesichtet hat, macht sie sich ans Abendbrot. Aber Harms scheint sich wiederum nicht an diese ungeschriebene Vereinbarung zu halten, rechtzeitig zum Essen wieder da zu sein. Und da Berta ebenfalls ein Bingospiel vermisst, beschließt sie, was sie wirklich nie tut, oder nur ganz selten: nach ihrem Mann zu sehen. Als sie den Dorfkrug betritt, sieht sie sich einem überraschenden Bild gegenüber. Die Tische sind umgestellt und mit Lämpchen beleuchtet, daran sitzen hochkonzentriert die Nachbarn mit Stiften ausgestattet. Der Wirt steht auf der Theke und ruft: „15!“ Sofort brüllt einer aus der hinteren Ecke „Bingo!“. Applaus, ein Freibier darf abgeholt werden. „Spinnt ihr?“ fragt Berta, die den Zusammenhang erkennt. „Das Spiel ist für Tante Dorle und die ist 75!“ „Nun setz dich man und hol dir ’ne Bingokarte bei mir, kost zwei Euro Teilnahme“, sagt Harms über einen Stapel Münzen hinweg, „und dann kaufst du der alten Schachtel irgendwas, merkt die gar nicht. Ab sofort ist hier jeden Samstag Bingo.“ Zustimmendes Nicken von allen Tischen, dann startet wieder das Rattern der Lostrommel. Manchmal kommt es eben zu spontanen Gewinnmitnahmen, denkt Bauer Harms, während er sich der nächsten Zahlenkolonne zuwendet. Bevor Berta die Spielhölle verlässt, ruft sie ihrem Mann zu: „Frühstück gibt es ab sechs, mit Wurst und Käse 10 Euro!“

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