Hamburg, 21. September. Neben der Hof- und Heimarbeit geht Berta einer aufreibenden Nebentätigkeit nach: Kreuzworträtsel lösen, eigentlich ja Schwedenrätsel. Dank intensiver Studien von Frauenfachlektüre, die sich hauptsächlich mit Prominenz und solcher, die es werden will, beschäftigt, ist Berta auch inhaltlich gut präpariert und muss nur ganz selten mogeln. Harms hat ihr zum Geburtstag das große Schwedenrätsellexikon geschenkt, brav nach Anzahl der enthaltenen Buchstaben sortiert. Auf Nachfrage sagt Harms gern, dass seine Frau studiert hat – die Illustrierte, denn Bildung ist auch Status. Eines Tages liegt dieser Brief im Kasten, der diesen dritten Bildungsweg belohnt: Eine Woche Urlaub für zwei Personen im Rheingau. Mit Weinprobe und Ausflug. Was gibt es schöneres im Herbst? Als Bauer Harms nach Hause kommt, fliegt sie ihm in die Arme und flötet: „Du und ich eine Woche!“. „Auto kaputt?“, fragt der zurück. Aber Berta präsentiert die Gewinnnachricht und jetzt ist auch der Bauer stolz.

Einige Wochen später startet der Strich-Achter mitten in der Nacht in einer schwarzen Rußwolke, um das hohe Verkehrsaufkommen zu umgehen. Berta fährt zuerst, weil Harms wegen der Feldarbeit nachts immer so müde ist. Bis Bispingen hält ihn allerdings das Fresspaket wach, das er kurz nach dem Dorfkrug aufgenestelt hat. So gegen neun Uhr morgens bemerkt er erschrocken seine verspannte Schlafposition und sieht zu Berta, die nach hinten gekippt schnarcht. Blitzschnell geht sein Blick nach vorn, um zu klären, wer jetzt eigentlich fährt, aber durch feuchte Scheiben sieht er nur auf ein Toilettenhäuschen eines Rastplatzes. Als Berta wieder zu sich kommt, fehlen noch die meisten Kilometer und so beschließen die beiden, sich erstmal im Autobahnrestaurant mit einem Frühstück zu stärken. Harms fühlt sich danach stark genug, um direkt wieder nach Haus zu fahren, was Berta mit einem kurzen Blick verhindert. Fünf Stunden und einige navigatorische Krisen später ist Oestrich-Winkel im Rheingau gefunden. „Ach, das ist aber schön“, sagt sie. „Wie auf Postkarte“, sagt er.

Nach einer Stunde telefonieren mit dem Veranstalter und dem Schwedenrätselverlag dürfen die beiden ihr Zimmer mit Balkon vorerst beziehen. Rolf Harms öffnet die Balkontür und stellt fest, dass der Wasserblick woanders sein muss, aber die romantische Aussicht auf dieses Dorf, das ihn an seine elektrische Eisenbahn aus Kindheitstagen erinnert, entschädigt einiges. „Wie bei unserer Hochzeit“, brummt er und hat ganz kleine Urlaubsgefühle. Die Bahn stellt sich auch bald ein und rauscht mit ohrenbetäubendem Lärm durch das Zimmer. Mit etwas Barem und launigen Worten bekommen die beiden ein neues Zimmer – zur anderen Seite. Im Nachhinein erinnern sich die beiden gerne an die Tage im Rheingau, besonders an zwei Höhepunkte. Am Mittwoch ist ein offizielles Abendessen beim Italiener mit Helene Riemann von der Öffentlichkeit angesetzt. Nach einigen Glaserl Wein überreicht sie mit launigen Worten ein Weinglas im Namen des Ortes an die beiden. Nachdem sie mit Schlagseite raus ist, nimmt der Wirt den beiden das Weinglas, das wie andere aussieht, wieder ab und fragt, ob sie vielleicht auch noch den Aschenbecher mitnehmen wollten. Außerdem ist die Rechnung noch offen. Das andere große Ereignis ist eine Weinbergwanderung mit anschließender Weinprobe. Daran können sich die beiden allerdings nicht mehr so genau erinnern, am nächsten Morgen haben sie einen fürchterlich dicken Kopf, Lehmspuren führen zu ihrem Zimmer und 12 Kisten Wein, ebenfalls mit Rechnung, stapeln sich davor.

In der folgenden Nacht weckt Harms seine Frau. „Los, wir verschwinden. Will gar nicht wissen, was die uns noch alles auf die Rechnung hauen. Wenn die uns nicht einladen, tun wir’s. Abflug.“ Nach 150 Kilometern auf der Autobahn Richtung Norden entspannt sich die Mine von Harms langsam wieder. „Ich kann das Meer schon riechen“, grunzt Rolf, „das kommt eher da hinten aus den Tüten“, vermutet Berta, „was ist da eigentlich drin?“ und zupft eine auf, woraufhin einige Weinreben sichtbar werden. „Das mit dem Wein anbauen kann ich auch, hab mir das nötige Material bei unserem Weinbergausflug besorgt. Wir machen Norddeutschlands ersten Wein und du organisierst dann Weinproben. Als Werbung gibt’s Urlaub auf unserem Weinhof im Kreuzworträtsel zu gewinnen.“ Wildentschlossen drückt der Bauer noch ein paar Extraliter Diesel durch den Auspuff, um seiner neuen Nebentätigkeit und einem kühlen Bier schnell näher zu kommen.

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