Hamburg, 20. Februar. Als ich nach getaner Arbeit die wohlverdiente Pause nahm und mit ortsüblichem Gerstengetränk versonnen Richtung Hauptstraße blickte, vernahm ich ein seltsam surrendes Geräusch. Langsam gesellte sich ein tiefes Brummen hinzu. Neugierig ging ich an die Straße und was soll ich euch sagen? Ein nigelnagelneuer, fein grüngelb lackierter Knickschlepper arbeitete sich die Straße hoch. Seine singende Sechs-Zylinder-fünfhundert-PS-Stimme wurde dirigiert von, ja, von wem? Von Heini, dem Beutel! Neid konnte mein Gefühl nur unzureichend beschreiben. Und dann hielt der auch noch vor mir und rief zu mir nach unten: „Na, schmeckt’s schon wieder?“ Das war zu viel. Wutentbrannt rettete ich meine violette Gesichtsfarbe ins Haus. So fand mich Berta, meine Frau. „Die Farbe kenn ich, die hatte ich gestern, als ich die doofe Grete, Heinis Frau, im schicken neuen Kostümchen erwischt hab. Musste sie gar nicht bearbeiten, sie hat mir gleich verraten, dass die jetzt gemeinsame Sache mit Müller von drüben machen.“ „Berta, da hilft nur Einsatz Null-Null-Sieben. Ich werde die Bibliothek auf dem Null-Null befragen und du deine sieben Freundinnen!“

Wenige Stunden später setzten wir uns an den Küchentisch und puzzelten auf der Rückseite eines Kalenderblatts unsere Informationen zusammen. Die Sache kam beim Landhändler schon letztes Jahr ins Rollen, erzählte Berta, der einem Bauern viel mehr als vereinbart abnahm, weil der noch einen Hof im Osten geerbt hatte. Dafür bekam der zwar weniger Geld, war es aber los. Ein anderer bot nun gutes Getreide zu dem niedrigeren Preis an, weil er sonst drauf sitzen geblieben wär. Klar war jetzt, dass viel viel half. So tat sich Heini mit seinem großen Nachbarn zusammen, kaufte diesen dicken Trecker und machte seine Runde wie ich früher mit dem Mofa. Inzwischen hatten das auch andere spitz bekommen und bildeten ebenfalls vorläufige Kooperationen. Die Sache lief heiß. Zu heiß. Der Preis sank durch die neuen Großbetriebe.

Die Betriebe waren so groß, dass frisches Geld her musste. Also stiegen die Herren aus der Stadt mit Geld ein. „Berta, gib mal noch ’n Korn, die Sache wird spannend.“ Die Herren taten sich jetzt unter einander zusammen und schalteten den Landhändler aus. Männätschmänd war das Zauberwort. Dem Müller haben sie dann die Kühe verkauft, sagt seine Frau. Der wollte das gar nicht, hatte aber nur noch 49 % und nix zu sagen. Und dann stiegen hier einige auf Grünzeug für Energie um, das hab ich euch ja letztes Mal erzählt. Nun fahren also ein paar dicke Autos rum, deren Fahrer sind aber nur noch angestellt im eigenen Betrieb. Dann taten sich die Landhändler zusammen und der Preis sank abermals. Jetzt konnten die übrigen Betriebe nicht mehr davon leben und fingen an, Tiere abzuschaffen und sich was Lukrativeres zu suchen.

Berta rührte in ihrem Kaffee und zeigte wie eine Feldherrin über die Papierstücke, die inzwischen überall lagen. „Und was machen wir jetzt?“, fragte sie mit unbestechlicher Genauigkeit – im gleichen Moment spuckte sie den Kaffee in meine Richtung. „Bah, ist da Gift drin?“ In der Tat vermisste ich meine Zigarette, war wohl nicht im Aschenbecher gelandet. Da durchzuckte mich die Lösung. „Berta, das isses. Alles verseucht! Das ist ja wie beim Fußball hier in Nettenstedt, der eine kauft ’nen Star, der nächste braucht dann zwei. Dann kommt ein neues Stadion und dann kommt keiner mehr, weil die Eintrittskarten zu teuer sind. Macht aber nichts, weil Bezahlfernsehen das Geld locker macht. Die malen dann die Sitze bunt an, damit es voll aussieht. Und wenn du trotzdem eine schlechte Saison hast, gehört dein Hintern der Bank. Schluss damit, jetzt ist hier alles dioxinverseucht, die Todesspirale dreht sich wieder zurück!“

Ich telefonierte also mitten in der Nacht mit den richtigen Leuten. Am nächsten Tag wurden ein paar Proben genommen und dann war das Geschrei groß. Nachbar Holst, ein Verbündeter, hatte noch so einen alten Kanister in der Garage, den haben wir dann großzügig verteilt und die Schnüffler wie zufällig da Proben nehmen lassen. Sagt der Holst doch, dass hier alles mal eine Müllkippe war. Ich hab den Prüfern dann noch Geld angeboten, damit sie es bei sich halten. Hat funktioniert, die ganze Gegend wurde wenig später gesperrt. Und im Laufe des Jahres wollte kein Investor mehr so richtig, obwohl das Ergebnis unklar war. Einige bekamen ihre Grundstücke wieder, andere machten immer noch Mais – insgesamt hatte die Lage sich aber wieder ins Erträgliche geschaukelt. Und die Fußballspiele sonntags beim TUS Nettenstedt sind immer noch umsonst.

Aus dem Plattdeutschen übertragen von R. Marggraff.
Kontakt: Harms@faktwert.de