Hamburg, 31. Juli. Derzeit blickt die Welt auf London. Zum dritten Mal in seiner Geschichte ist London Austragungsort der Olympischen Spiele. Die Olympiade kommt gerade recht, das zuletzt beschädigte Image der Metropole wieder etwas aufzubessern. Der Finanzplatz London ist aktuell aufgrund des Skandals um die Manipulation der Interbankenzinsen – der sogenannten Libor-Rate – in die Kritik geraten. Auch die andauernden Auseinandersetzungen der britischen Regierung mit der Europäischen Union zur Durchsetzung von Privilegien für den Finanzplatz an der Themse sorgen in Resteuropa immer wieder für Unmut.

Die Bedeutung der City

Die City of London umfasst ein kleines Gebiet im Stadtkern der britischen Hauptstadt, das aufgrund seiner Fläche auch die „Square Mile“ genannt wird. Sie besitzt seit 886 das Recht auf Selbstverwaltung und ist eine eigenständige Rechtseinheit – eine Art Staat im Staate. Die City of London Corporation ist gleichzeitig eine Lokalbehörde und eine mächtige Lobby-Gruppe, denn die hier ansässige Finanzindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Großbritannien. Sie erwirtschaftet rund 10 % des Bruttoinlandproduktes und beschäftigt weit über eine Million Menschen. Aber nicht nur knapp 500 Banken unterhalten in der Square Mile ihre Büros: Auch Ratingagenturen, Anwaltskanzleien, Versicherungen, Fondsmanager, Revisionsgesellschaften und Hedgefonds haben hier ihren Sitz. Hinzu kommen zahlreiche Börsen. Das tägliche Handelsvolumen des Finanzplatzes beträgt 46 Milliarden US-Dollar. Rund die Hälfte aller internationalen Börsengänge werden hier abgewickelt, ebenso etwa 50 % des weltweiten Aktienhandels. In vielerlei Hinsicht ist London das größte internationale Finanzzentru¬m der Welt: In der City wird mehr als ein Drittel des globalen Devisenhandels abgewickelt, beim Kreditderivatehandel beträgt der Marktanteil 40 %.

Das Verhältnis zu Europa

Die Londoner City hat die derzeit regierende konservative Partei von James Cameron bei seiner Wahl mit großzügigen Spenden finanziert und verspricht sich im Gegenzug nun die Umsetzung eines euroskeptischen Kurses. Die Pläne der Europäischen Union für eine strengere Finanzaufsicht, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer und höhere Eigenkapitalanforderungen für Banken sind der Londoner City ein Dorn im Auge. Trotz Lobby-Arbeit und Intervention seitens des britischen Finanzministers konnten die Banker aber nicht verhindern, dass auf EU-Ebene künftig eine ganze Reihe von Finanzmarktregeln strikter gefasst werden könnten als bisher. So soll bspw. 2013 die geplante Verschärfung der Regulierung für alternative Anlagen in der EU kommen, die vor allem der in London ansässige europäische Hedgefonds-Community sauer aufstößt. Die Einführung einer europaweiten Finanztransaktionssteuer, die vor allem von Finanzminister Schäuble forciert wird, will die britische Regierung dagegen mit allem Mitteln verhindern.

Dabei kämpft die britische Regierung zunehmend mit harten Bandagen. So hat sie mit juristischen Schritten gegen die Europäische Zentralbank gedroht, sollte diese ihre Pläne umsetzen, den riskanten Handel und die Abwicklung von Derivaten mit Kunden aus der Euro-Zone nur noch dann zuzulassen, wenn die Banken ihren Handel über Tochtergesellschaften in der Euro-Zone schleusen.

Die britische Regierung sieht sich dabei mit zweierlei Bedrohungen konfrontiert: Zum einen glaubt sie, dass der Druck auf die City, die einen wichtigen Beitrag zum nationalen Steueraufkommen leistet, nicht erhöht werden darf. Auf der anderen Seite sorgt der Konfrontationskurs mit der Europäischen Union aber für eine weitgehende Isolation Englands in Europa. Das könnte zum einen den schleichenden Ausschluss aus dem EU-Binnenmarkt bedeuten. Es könnte sich aber auch die Schlussfolgerung ergeben, dass sich die Börsen in Deutschland und Frankreich – auch wenn sie lange nicht so mächtig sind wie die an der Themse – mittelfristig zusammenschließen, wodurch der City eine gefährliche Rivalin erwachsen könnte, die zum neuen Fokus der internationalen Finanzwirtschaft avanciert. In Zeiten drakonischer Sparkurse und der Gefahr des Abdriftens in eine Rezession spricht viel für eine Zuspitzung des Konflikts.

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Allgemeiner Risikohinweis für Finanzprodukte