Hamburg, 27. Oktober. Vergangene Nacht konnten auf dem EU-Gipfel zentrale Punkte vereinbart werden. Nach stundenlangen Verhandlungen standen sowohl die Eckdaten des griechischen Schuldenschnitts als auch die der Weiterentwicklung der Europäischen Finanzstabilisierungsfaszilität (EFSF) fest. Der deutsche Leitindex DAX reagierte mit einem Plus von mehr als 4 %. Insbesondere Finanzwerte gewannen – trotz oder wegen? – der freiwilligen Beteiligung zum Teil deutlich über 10 % an Wert.

Ereignisreiche Tage liegen hinter den Börsen – und natürlich den Anlegern. Verhandlungen beim EU-Gipfel am vergangenen Wochenende ließen die wichtigsten Punkte offen, in Deutschland sollte die im Vorfeld durch die Koalition ausgeschlossene Beteiligung des Bundestags nun doch stattfinden und die durch Berlusconi darzulegenden Erfolge bei der Haushaltssanierung kamen nur minimal über Willensbekundungen hinaus. Alle Hoffnung lag auf dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. Mit Spannung erwartet wurde besonders die Einigung der Politiker mit den Banken über den Schuldenschnitt Griechenlands. Im Ergebnis steht ein „Haircut“ von 50 %. Damit reduziert sich Griechenlands Schuldenlast bis 2020 von derzeit 170 % auf 120 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Private Gläubiger leisten hierzu freiwillig einen Beitrag von 100 Milliarden €uro. Mit weiteren 30 Milliarden sichern Euro-Länder neue Anleihen ab und steuern zudem 100 Milliarden für weitere Kredite bei. Für eine dauerhafte Lösung sind Summen mit neun Nullen aber schon lange nicht mehr ausreichend. Entsprechend gehörte die Ausweitung der EFSF zu den wichtigsten Tagesordnungspunkten des Europäischen Treffens. Bislang steht für Kredite eine Summe von 440 Milliarden Euro zur Verfügung. Um aber auch für den Fall weiterer finanzieller Probleme von Mitgliedsländern gerüstet zu sein, ermöglichen die Politiker die Erhöhung der Summe auf etwa eine Billionen Euro. Umgesetzt wird dies über einen sogenannten Hebel. Anstatt also selbst Kredite an verschuldete Euro-Staaten zu vergeben, sichert die EFSF diese wie eine Art Teilkaskoversicherung ab. Neben der Vervielfachung der Summe bietet der Hebel den Vorteil, dass ausfallende Kredite von Schuldnerländern nicht in vollem Umfang vom europäischen Rettungsschirm getragen werden müssen. Allerdings greift die Begeisterung deutscher Politiker darüber, eine weit größere Summe mit gleichbleibendem deutschen Anteil von maximal 211 Milliarden abzusichern, deutlich zu kurz. Einhergehende Ausfallrisiken setzen sich aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen aus der angesprochenen Haftungssumme und zum anderem aus der Wahrscheinlichkeit, mit der es zu einem Kreditausfall kommt. So zeigte sich Bundesbankpräsident Weidmann beispielsweise besorgt: Laut ihm steigen durch die neuen Instrumente zur Hebelung sowohl die Verlustrisiken als auch die Vergemeinschaftung ebendieser stark an.

Obwohl die beschlossene Einigung insgesamt positiv zu bewerten ist, da sie zumindest eine längerfristige Lösung verspricht, bleibt eine Frage im Raum: Wenn die größte Lobbyorganisation der Banken, das Institute of International Finance (IIF), die Verhandlungen als Erfolg wertet und Bankaktien am nächsten Tag sprunghafte Gewinne verbuchen, handelt es sich dann eher für die Privatseite um eine gute Lösung oder für die staatliche?

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