Hamburg, 23. Juli. 2009 einigte sich die Europäische Kommission auf ein Richtlinienpaket für Energie und Klimaschutz. Die sogenannten 20-20-20-Ziele sehen eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um 20 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990, die Verbesserung der Energieeffizienz um 20 Prozent und eine Steigerung des Anteils Erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch auf 20 Prozent vor. Inzwischen hat die Kommission mit der „Energy Roadmap 2050“ im Jahr 2011 und dem im März diesen Jahres verabschiedeten Grünbuch „Ein Rahmen für die Klima- und Energiepolitik bis 2030“ die Diskussion über die künftige Ausgestaltung der europäischen Energie- und Klimapolitik über 2020 hinaus eröffnet. Laut Einschätzung der Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) beruhen die darin enthaltenen Szenarioannahmen allerdings auf veralteten Modellrechnungen. Demnach werden die Kosten von Atomenergie unter- und für Erneuerbare Energien überschätzt. Die Europäische Kommission ist daher gefordert, aktualisierte Modellrechnungen bereitzustellen. Nur auf dieser Grundlage ist eine transparente und zielführende Diskussion über die künftige Energiepolitik in Europa möglich.

Gemischter Status bei 20-20-20-Zielen

Bis dato wurden die Ziele für 2020 in unterschiedlichem Maße erreicht. So konnten die Treibhausgasminderungsziele bereits fast vollständig erfüllt werden. 2011 lagen die Emissionen lediglich knapp zwei Prozentpunkte über dem Minderungsziel. Auch im Bereich der Erneuerbaren Energien gibt es beachtliche Fortschritte. Lag deren Anteil am Bruttoendenergieverbrauch 2005 noch bei 8,5 Prozent, waren es 2011 bereits 13 Prozent. Trotz dieser positiven Entwicklung gibt es unter Experten Bedenken, ob der Anteil bis 2020 auf 20 Prozent gesteigert werden kann. Im europäischen Durchschnitt müssten hierfür die Erneuerbaren um über sechs Prozent pro Jahr wachsen. In Bezug auf die Energieeffizienz sind ebenfalls höhere Anstrengungen notwendig, um das Ziel von 20 Prozent zu erreichen.

Grünbuch 2030

Mit dem Grünbuch unterstreicht die Europäische Kommission ihren Willen zur Senkung von Treibhausgas-Emissionen und den Anteil Erneuerbarer Energien über das Jahr 2020 hinaus zu erhöhen. Die Emissionen sollen demnach um 80 bis 95 Prozent sinken. Als Zwischenziel hat die Europäische Kommission 40 Prozent im Jahr 2030 ausgerufen. Weitere Ziele des Grünbuchs: Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft, Erhöhung der Energieversorgungssicherheit und Sicherung der Erschwinglichkeit von Energie im Energiebinnenmarkt. Die Festlegung auf konkrete Ziele ist ein richtiger und notwendiger Schritt. Allerdings lagen von Seiten der Kommission zum Zeitpunkt der Erstellung des Grünbuchs keine aktuellen Modellrechnungen und Szenarien vor. Daher wurde auf bis zu vier Jahre alte Kostenannahmen zurückgegriffen. Insbesondere bei den Erneuerbaren Energien wurden daher aktuelle Kostenentwicklungen wie bspw. die Rückgänge bei den Produktionskosten nicht berücksichtigt bzw. vernachlässigt. Aus diesem Grund haben die Experten des DIW für ihre Einschätzungen eine systematische Erhebung der Kosten erneuerbarer und konventioneller Stromerzeugung durchgeführt.

Kosten für Atomenergie unterschätzt

Für die genaue Erhebung der Gesamtkosten der Stromerzeugung in Kernkraftwerken spielen verschiedene Parameter eine Rolle. Dazu zählen bspw. Bau, Betrieb, Forschung und Entwicklung sowie der Rückbau des Kraftwerks. Hinzu kommen Brennstoffkosten, weitere variable Kosten sowie die Kosten bei möglichen Unfällen. Eine explizite Gesamtsumme lässt sich daher nur schwer ermitteln. Im Gegensatz zu den meisten anderen Stromerzeugungstechnologien wurde die Atomkraft in den vergangenen Jahren nicht günstiger. Lagen bspw. die leistungsspezifischen Investitionen pro Kilowatt in Frankreich 1980 bei etwa 1.000 Euro, waren es 1990 zwischen 1.300 und 1.600 Euro und im Jahr 2000 zwischen 1.500 und 3.000 Euro. Als Gründe für den Anstieg führen die DIW-Experten insbesondere verschärfte Sicherheitsvorschriften, wechselnde Standards und fehlende Kontinuität beim Kernkraftwerksbau an. Auch bei der aktuellen sogenannten „3.Generation“ von Kernkraftwerken setzt sich der Trend hin zu steigenden Kapitalkosten anscheinend weiter fort. So steigen bspw. die Kosten der sich im Bau befindlichen Kernkraftwerke in Olkiluoto (Finnland) und Flamanville (Frankreich) aufgrund sicherheitstechnischer Anforderungen stetig. In Flamanville ging man 2006 noch von ursprünglich 1.500 Euro pro Kilowatt aus. Mitte 2008 waren es dann bereits 4.500 Euro pro Kilowatt. Aktuell liegen die Schätzungen (Dezember 2012) inzwischen bei 5.100 Euro pro Kilowatt. Eine Verschärfung der Sicherheitsanforderungen – wie sie derzeit auf europäischer Ebene ausgearbeitet werden – dürfte die Kosten weiter steigen lassen.

Hinzu kommen Aufwendungen für die Endlagerung abgenutzter Brennelemente. Diese sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings völlig unbekannt, da weltweit noch immer kein betriebfähiges Endlager existiert. Nicht zuletzt die aktuelle Situation in Deutschland verdeutlicht, wie schwierig es auch auf absehbare Zeit bleiben wird, hier zu einer tragfähigen Lösung zu kommen. Weiterer Kostenpunkt bei der Atomkraft stellen die Versicherungskosten für potenzielle Großunfälle dar. Diese lassen sich seriös kaum quantifizieren.

Energy Roadmap geht von fallenden Kosten bei Atomkraft aus

Die Energy Roadmap 2050 der Europäischen Kommission unterstellt der Atomkraft fallende Kosten und eine hohe Wettbewerbsfähigkeit. Daher werde der Zubau von Kernenergie von derzeit 127 Gigawatt auf 161 Gigawatt zunehmen. Diesem Szenario liegt ein Startwert der Durchschnittskosten für ein Kernkraftwerk für das Jahr 2010 von 4.382 Euro pro Kilowatt zu Grunde. Gleichzeitig werden für die kommenden Jahre erhebliche Kostenreduktionen erwartet. Aufgrund der Erfahrungen in den vergangenen Jahren erscheinen diese Einschätzungen jedoch als unrealistisch.

Kosten für Erneuerbare Energien überschätzt

In den vergangenen Jahren sind die Erzeugungskosten für Strom aus Erneuerbaren Energien sukzessive gesunken. In der Energy Roadmap der Europäischen Kommission findet dieser Aspekt allerdings nur unzureichend Berücksichtigung. Insbesondere bei der Sonnen- und Windkraft sind angesichts technischer Innovationen sowie reichlich vorhandenem Lernpotenzial bis 2050 weitere Rückgänge bei den Produktionskosten realistisch.

Kosten bei Photovoltaik sinken weiter

Im Bereich Photovoltaik fiel die Kostendegression zuletzt deutlich aus. Aufgrund von sinkenden Anlagekosten und höheren Wirkungsgraden kam es im Bereich Photovoltaikstrom zu deutlich rückläufigen Durchschnittskosten. Studien zeigen jährliche Kostensenkungen von 15 Prozent seit 2008. Aufgrund von Überkapazitäten hat insbesondere in den vergangenen beiden Jahren der Preisdruck auf Module, die den größten Kostenanteil ausmachen, weiter zugenommen. Auf absehbare Zeit dürfte sich dieser Trend weiter fortsetzen und die Kosten weiter sinken lassen. Aufgrund der hohen Dynamik auf der Kostenseite ist es unerlässlich, aktuelle Entwicklungen in die Szenarienrechnungen mit aufzunehmen.

Onshore-Windkraftanlagen mit erheblichem Kostenreduktionspotenzial

Analog zur Photovoltaik hat es auch bei Windkraftanlagen an Land deutliche Produktionszuwächse und Kostenrückgänge gegeben. Während Investoren in den frühen 2000er Jahren noch mehr als 2.000 Euro pro Kilowatt aufbringen mussten, fielen die spezifischen Investitionskosten inzwischen auf ungefähr die Hälfte.

Ein Vergleich der Investitionskosten für Onshore-Wind zwischen der Energy Roadmap und anderen Analysen verdeutlicht die Diskrepanz der Schätzungen auch in diesem Bereich: Während die meisten Schätzungen von Kostenrückgängen ausgehen, bleiben die Kosten laut Roadmap in den kommenden vier Jahrzehnten mit 1.106 Euro pro Kilowatt im Jahr 2010 und 1.074 Euro pro Kilowatt 2050 nahezu unverändert. Die Kostenreduktionen im Bereich Onshore-Wind in den vergangenen Jahren lassen an dieser Einschätzung jedoch Zweifel aufkommen.

Mit dem Grünbuch und der Energy Roadmap hat die Europäische Kommission einen wichtigen Anstoß zur Diskussion über die künftige Stromerzeugung in Europa geliefert. Für eine fundierte Analyse fehlen jedoch aktualisierte Kostenannahmen. Nur wenn diese Berücksichtigung finden ist es möglich, realistische Szenarien sowie nationale energiepolitische Ziele zu entwickeln.