Hamburg, 09. Juni. Griechenland durchlebt derzeit anscheinend eine seiner Sagen: Als erzwungener Anti-Midas soll die griechische Regierung möglichst viel Tafelgold, also Staatseigentum, zu Barem machen. Wie im Mythos des gierigen aber kurzsichtigen Königs erweisen sich die Gläubiger aber einen Bärendienst: Wenn alles zu Geld wird, verhungert auf Dauer der Patient. Oder, wie im Fall Griechenlands, bleibt nachhaltig keine Basis, auf der das Land sein Auskommen eigenständig meistern könnte. Derzeit streiten die Chefökonomen darüber, welche Entschuldung Griechenlands die wenigsten Nachteile für die Griechen, aber auch für den Euro und die Banken bedeutet. Alle Szenarien gleichen sich in einem Punkt: Griechenland muss sparen, um die enorme Staatsverschuldung zu reduzieren. Aktuell beträgt diese gut 140 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) – bis Ende des Jahres soll sie laut Schätzungen der Europäischen Kommission auf 157 % weiter ansteigen. Entsprechend ist das Euro-Mitglied auf Finanzmittel des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union (EU) angewiesen, um solvent zu bleiben und sogar kurzfristig finanzielle Verpflichtungen erfüllen zu können. IWF und EU fordern im Gegenzug einen stringenten Sparkurs und den Verkauf von Staatsbesitz. Fraglich bleibt, ob dies einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung zuträglich ist oder Griechenland dadurch noch tiefer in die Depression rutscht. Bisherige Maßnahmen haben im Ergebnis ihr Ziel deutlich verfehlt: Ausgabenseitige Einsparungen in Höhe von 5 % des BIPs innerhalb eines Jahres verringerten die Schuldenlast nicht. Im Gegenteil: Obwohl sich das Defizit von 9,8 auf 9,5 % reduzierte, führten steigende Zinsen zu einer höheren finanziellen Belastung durch den Schuldendienst. Unstrittig ist unter Volkswirtschaftlern, dass diese drastische Haushaltssanierung auf Kosten von Wachstum und Beschäftigungszahlen geht. In der Folge verringern sich die Steuereinnahmen des griechischen Staates und die Wirkung der mühsam ersparten Konsolidierung bleibt aus. Folglich befindet sich das Land durch die aufgezwungenen Maßnahmen in einer Abwärtsspirale: Geringeres Wachstum und Abbau staatlicher Investitionen ergeben ein sinkendes BIP, an dem die gleichbleibenden Schulden einen immer größeren Teil ausmachen. Es folgt die Herabstufung durch Rating-Agenturen, der Anstieg der Zinsen und ein immer erdrückenderes Verhältnis von Schulden und Staatseinnahmen. Ironischerweise führen also im Fall eines Staates entgegensetzte Maßnahmen zum gleichen Ergebnis wie bei König Midas: Während er durch seine Fähigkeit, alles was er anfasst, zu Gold werden zu lassen, fast verhungert wäre, hungert Griechenland perspektivisch aus, weil es Gold und Besitz aufgeben und staatliche Investitionen einschränken muss. Hinzu kommt die anhaltende Kreditklemme im Land. Derzeit lehnen die Banken acht von zehn Kreditanträgen ab und verhindern damit auch die dringend notwendigen privatwirtschaftlichen Investitionen.

Wenn sich durch drastische Sparmaßnahmen jedoch keine Verringerung des Haushaltsdefizits erreichen lässt, bleibt die Frage, wofür Griechenland und seine Bürger diese Anstrengungen unternehmen sollen. Unabhängig von Rating-Agenturen – die selber durch ihre Rolle während der Finanzkrise einen zweifelhaften Ruf genießen – ist die elementare Frage, ob Griechenland mittelfristig vor dem Staatsbankrott steht, und wenn ja, wie dieser abgewendet werden kann. Diese Thematik haben Wissenschaftler im Rahmen von Studien untersucht: Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart, Wirtschaftsprofessoren in den USA, gehen nach einer empirischen Untersuchung davon aus, dass Verschuldungen von über 90 % des BIPs für einen Staat kaum lösbar sind. Als Hauptgrund benennen sie die Beeinträchtigung des Wachstums. Betroffenen Ländern gemein ist der enorme Anstieg der Verschuldung innerhalb weniger Jahre. Vergleichbares zeigt sich in Griechenland: Immerhin lag die Verschuldung 2008 noch bei „nur“ 94 % – deutlich weniger als die aktuellen 140 %. Jedoch sind diese Größen nicht absolut zu sehen, da auch Länder mit bester Bonitätsbewertung eine Staatsverschuldung nah der ‚magischen Grenze’ aufweisen – beziehungsweise diese, wie beispielsweise Japan oder die USA, seit Jahren überschreiten. Wenn die Verschuldungsquote nunmehr aus Sicht ihrer negativen Folgen betrachtet wird, also der Verhinderung des volkswirtschaftlichen Wachstums, wirken die durch IWF und EU vorgeschriebenen Konsolidierungsmaßnahmen entsprechend kontraproduktiv.

Dringend notwendig sind für Griechenland grundlegende Umstrukturierungsmaßnahmen und die Eindämmung der Korruption. Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung im Land, dass die EU und insbesondere Deutschland schuld an dem griechischen Finanzdilemma sind, ist die finanzielle Krise des Staates ursächlich hausgemacht. Griechenland hat – zugegebenermaßen wie viele andere EU-Mitglieder auch – jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Auch ein Vorkrisen-Schuldenstand von über 90 % deutet auf fiskal- und finanzpolitische Fehlentscheidungen hin. Entgegen der Pressemeldungen in Griechenland geht das Ausmaß der Verschuldung kaum auf den Kauf deutscher Autos oder Kühlschränke zurück. Zumal der Export deutscher Produkte nach Griechenland (ohne Rüstung) im Schnitt nur 0,6 % ausmacht und es keine Meldungen über Zwangsabnahmemengen deutscher Produkte gibt. Vielleicht ist dieser Teil der Landesgeschichte noch viel eher mit der Mythologie vergleichbar: Wer wie Midas zu viel will, wird am Ende nichts mehr haben.