Bereitschaft zum Umdenken und Reflektieren – so lautet die Basis eines Kapitalmarkts 3.0. Momentan bewegen wir uns eher im Bereich 2.0. Mit einer punktuellen Modifikation der alten Strukturen, wie wir sie derzeit erleben, erreicht der Finanzsektor auf Dauer keine verlässliche Tragfähigkeit. Wo steht der Markt heute? Dieser Frage gehen wir zunächst nach.

Viertes Wirtschaftswunder

„Ich würde es das dritte deutsche Wirtschaftswunder nennen.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einem Politiker, der in den jüngsten Kanon der Wachstumseuphorie einstimmt, sondern aus dem Jahr 2007. Ja genau, das Jahr vor der Finanzkrise. Frank-Walter Steinmeier, seinerzeit Bundesminister des Auswärtigen lobte im Spiegel-Interview1 mit diesen Worten die deutsche Wirtschaft. Was danach geschah, ist allseits bekannt. Eine gewisse Skepsis ist bei allzu optimistischen Prognosen also angebracht.

Eines der großen Themen in Deutschland ist momentan erneut das Wirtschaftswachstum. Hurra, wir leben noch. Krise – welche Krise? Die Nachwirkungen sind erst einmal runter von der Agenda, denn Deutschland erlebt gerade ein Comeback der Superlative. Wie ein Stehaufmännchen hat die wachstumsstärkste Nation Europas seine Schockstarre überwunden und sich vom Boden erhoben. Die gesamte Republik erlebt einen goldenen Herbst und die Wirtschaft singt das Hohelied des Aufschwungs. Daimler-Chef Dieter Zetsche erwartet „das beste Septemberergebnis der Geschichte“. Politiker aller Couleur stimmen freudig mit ein. Rainer Brüderle, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, kündigt in der Welt an, dass Deutschland die Wachstumsprognosen für 2010 mehr als verdoppeln wird (3,3 % statt 1,4 %). 3,5 % Zuwachs prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF). Auch die Kauflust der Verbraucher steigt. Dank voller Auftragsbücher, niedriger Zinsen und einer wettbewerbsfähigen Exportindustrie ist die Arbeitslosigkeit seit 2009 kontinuierlich gesunken. Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnen für 2010 mit dem niedrigsten Niveau seit 1992. Im Oktober hat sich das ifo Geschäftsklima für die gewerbliche Wirtschaft erneut verbessert, da die Unternehmen mit ihrer momentanen Situation zufriedener sind als im Vormonat2.

Auch die Investmentbranche wächst wieder. Laut Bundesverband Investment (BVI) verzeichnete der Sektor seit Jahresbeginn Zuflüsse von über 51 Mrd. Euro. Damit stieg das verwaltete Gesamtvermögen an Publikums- und Spezialfonds auf knapp 1,8 Billionen Euro –170 Mrd. Euro mehr als im Vorjahr. Sind wir auf dem Weg zum vierten Wirtschaftswunder? Hat die Krise keinerlei Schleifspuren hinterlassen?

Aufschwung auf wackligen Beinen

Bei näherer Betrachtung erscheint das Wirtschaftswachstum jedoch relativ. Ist die Wirtschaft am Boden, reicht das Potenzial weit nach oben. Ein Blick auf die Langzeitfolgen der Krise enthüllt ein anderes Bild: Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Pro-Kopf-Staatsverschuldung seit 1990 von 8.400 Euro auf über 21.300 Euro weit mehr als verdoppelt. Dieser Schuldenberg wird Generationen überdauern. Nach Angaben der Wirtschaftswoche geht aus Untersuchungen von Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaft, und Diplom-Volkswirt Johannes Vatter hervor, dass die Renten künftig langsamer steigen. Als Grund dafür nennen die zwei Ökonomen die Orientierung am gesunkenen Durchschnittslohn3. Die Folgen der Krise wirken langfristig nach. Auch ein Blick auf den Finanzsektor zeichnet ein anderes Bild: der Abschreibungsbedarf eines Großteils der deutschen Banken ist weiterhin hoch. Für die Bankenrettung hat der deutsche Staat dem Finanzsektor seit 2007 laut Wirtschaftswoche fast 60 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt. Nach Angaben der Zeit erhalten vier deutsche Banken noch immer Hilfen aus dem Bankenrettungsfonds Soffin. Zusammen mit Garantien und dem Soffin hat die deutsche Regierung 220 Mrd. Euro an die Branche gegeben – zum Vergleich: Das jährliche Fördervolumen der Bundesrepublik für besonders zukunftsweisende Forschungs- und Entwicklungsprojekte beträgt laut German Trade and Invest ca. 4 Mrd. Euro.

Alles neu macht Basel III

Was hat sich denn überhaupt grundlegend verändert? Zwar hat die EU drei neue Kontrollinstanzen geschaffen, aber keine neuen Regeln, wie beispielsweise die diskutierte Finanzmarktsteuer, verankert. Da ist das Regelwerk Basel III, beschlossen vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht. Schon der Name klingt kolossal und nach tiefgreifender Veränderung. Hinter Basel III verbergen sich strengere Eigenkapitalvorschriften für Banken: Diese sollen ihr Kernkapital bis 2019 mehr als verdoppeln. Allerdings ist ein Inkrafttreten der Regelung erst für 2013 vorgesehen. Bis dahin kann viel passieren. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Maßnahmen wirklich ausreichend sind, um die Stabilität der Finanzmärkte zu gewährleisten. Schließlich gelten diese nicht für Hedgefonds oder Private-Equity-Gesellschaften. Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, erklärte in der FAZ, dass die Minderung systemischer Risiken mit verschärften Kapitalanforderungen nur teilweise gelingen werde. Ferner ist fraglich, ob die Regelungen von allen Staaten zeitgleich realisiert werden. So haben die USA bisher nicht einmal das Regelwerk Basel II umgesetzt. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) äußert im Bericht zur Stabilität der Finanzmärkte laut Spiegel Bedenken, es gebe weiterhin große Risiken im Weltfinanzsystem. Darüber hinaus haben besonders angeschlagene Länder wie Griechenland, Irland und Italien schon heute Probleme mit den hohen Zinszahlungen. Und noch eine Frage bleibt: Werden sich die Kapitalkosten nach Basel III erhöhen? Branchenexperten wie Postbankvorstand Michael Meyer gibt in der Euro am Sonntag4 zu bedenken, dass die erhöhten Kosten im Immobilienbereich an die Endverbraucher weitergegeben und sich damit die Kreditzinsen verteuern könnten. Ist die nächste Kreditklemme aufgrund der Restriktionen vorprogrammiert? Vorsorge betreibt der Finanzausschuss des Bundestages, der am 26.10. die Bankenabgabe und schärfere Bonusregeln für Managergehälter beschlossen hat. Vorgesehen ist der Aufbau eines Krisenfonds. Daneben soll die Haftung bei Pflichtverletzungen von Managern von fünf auf zehn Jahre erhöht werden. Zustimmen muss nun noch der Bundesrat. Verschärfte Regeln bedeuten jedoch nicht, dass sich die Einstellung verändert hat. Die Regierung setzt Zeichen, aber was ist mit den Finanzmarktakteuren, haben diese aus der Krise gelernt?

Vertrauen ist gut

Auf die Wirtschafskrise folgte eine große Vertrauenskrise, deren Schäden noch immer spürbar sind. Ausgiebige Spekulationen auf dem Finanzmarkt und die hohe Staatsverschuldung haben für Verunsicherung der Anleger gesorgt. Besonders groß war der Vertrauensverlust gegenüber Managern und Beratern. Zwar hält laut FAZ knapp die Hälfte der Deutschen eine positive Entwicklung der Aktienmärkte in den nächsten sechs Monaten für realistisch, die Investmentbereitschaft wächst allerdings nur langsam. So ermittelte J.P. Morgan, dass der Anteil der Interessenten, die in den nächsten Monaten investieren wollen, auf 30 % sank – ein Minus von neun Prozentpunkten. Gründe sieht die FAZ darin, dass Anleger noch abwarten und ohnehin ihr Anlageverhalten nicht sofort ändern, sobald die Börse positive Werte verkündet. Vertrauensaufbau ist schließlich ein langfristiger und fragiler Prozess. In einer Befragung der ING-DiBa geben 74 % der Deutschen an, dass ihr Vertrauen in die Anlageberatung während der Wirtschaftskrise gesunken ist . Anleger sind skeptischer geworden und schauen genauer hin – Kontrolle ist eben doch besser. 68 % geben an, sich seither verstärkt selbst um die eigenen Finanzen zu kümmern. Besonders bedenklich finden die Befragten die fehlende Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Finanzprodukten: So haben 86 % den Eindruck, dass Finanzangelegenheiten in den letzten Jahren immer komplizierter geworden sind – 82 % werfen den Instituten sogar vor, ihre Produkte absichtlich unverständlich darzustellen.

Update im Finanzbereich – Kapitalmarkt 3.0

Für die deutsche Wirtschaft und das Wohlbefinden der Deutschen scheint der Aufschwung ein Segen zu sein. Dank ausgiebiger Kapitalspritzen der Regierung und Lohnabstrichen, beispielsweise durch Kurzarbeitergeld, hat Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern den Weg aus der Krise schnell gefunden. Dennoch hat der Aufstieg einen negativen Beigeschmack: Durch staatliche Eingriffe in die Wirtschaft bleibt offen, wie viele Finanzakteure tatsächlich aus Fehlern gelernt haben. Für Anleger ist der Kapitalmarkt undurchsichtiger denn je. Daran ändern auch die vorgeschriebenen Beratungsprotokolle nichts. Anleger reagieren trotz Aufschwung zurückhaltend, die Investmentbereitschaft der Deutschen wächst nur langsam. So gesehen ist der Markt in seinem jetzigen Zustand nur eine wenig reflektierte Fortsetzung des Finanzmarktmodells vor der Krise. Um die Kapitalmärkte grundlegend zu verändern, ist ein Update des jetzigen Systems zum Kapitalmarkt 3.0 erforderlich. Dieser ist das Ergebnis einer gründlichen Reflexion. Welche Regelungen helfen, welche verhindern ein Update?

Zunächst ist eine nüchterne Betrachtung existierender Lösungen ohne Verteufelungen erforderlich. Es steht außer Frage, dass sich einige Mitwirkende unverantwortlich verhalten haben. Doch erst eine Analyse liefert Antworten, welche Herangehensweisen und Strategien Nutzwert haben und welche aussortiert gehören. Hedgefonds oder Zertifikate sind nicht per se schlecht. Wichtig für den Anleger ist, was die Abwägung zwischen Risiko und Rendite ergibt. Für den Kapitalmarkt 3.0 lautet die Devise: weg von konformer Unreflektiertheit! Und dies ist nicht nur ein Appell an transparente Produkte mit einer nachvollziehbaren Risiko-Rendite-Darstellung. Eine grundlegende Veränderung setzt schon in der Ausbildung von Finanzakteuren an. Auch hier heißt es: keine blinde Theoriegläubigkeit, dafür mehr kritischer Geist und vor allem gesunder Menschenverstand. Für Investoren gilt eigentlich das gleiche Credo wie zuvor: Nichts kaufen, was ich selbst nicht verstehe. Im Kapitalmarkt 3.0 wäre demnach nicht alles anders. Er zeichnet sich dadurch aus, dass eine bewusste Entscheidung für oder gegen bestimmte Routinen an die Stelle unüberlegter Entscheidungen tritt. Jeder Entschluss gehört im Sinne einer saubereren Kosten-Nutzen-Analyse auf den Prüfstand. Dies ist nicht nur für die Stabilität des Finanzsystems entscheidend, sondern auch wichtig, um das Vertrauen der Anleger dauerhaft zurückzugewinnen.

1Spiegel-Gespräch „Die SPD kann stolz sein“, Ausgabe 28/2007
2Ergebnisse des ifo Konjunkturtests Oktober 2010, www.ifo.de
3Wirtschaftswoche „Die Rechnung bitte!“, Ausgabe 38 / 2010
4Ausgabe vom 09.10.-15.10.2010