Dank intensiven Trainings von „Zwischen den Zeilen lesen“ in Wirtschaftszeitungen übertrug Bauer Harms diese Fähigkeit nun auch in andere Bereiche. Zum Beispiel an den Mittagstisch. Wie in einer Glaskugel interpretiert er auf seinem Teller das Verhältnis Kartoffeln-Möhrchen, den Soßenpegel oder das Fleischgewicht und kann daraus Stimmungsschwankungen seines Mediums Berta ableiten. Seit einiger Zeit verkleinert sich der Schweinebraten- zugunsten des Gemüseanteils auf dem Teller. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die warme Jahreszeit bevor steht – dahinter steckt wiederum ein ungünstiger Koeffizient von Bertas Hüfte zum Umfang ihres Sommerrocks.

„Sag mal Berta, nach neuesten Erkenntnissen ist Fleisch ja eher mager, sollten wir jetzt, wo alles so schön grün wird, nicht mehr davon essen?“ Eine gefährliche Steilvorlage, aber dem Bauern war hier das Hemd näher als die Hose. Berta, die inzwischen offensichtlich auch das Gras wachsen hört, antwortet mit schmalen Augen: „Irgendwann wirst du mit deinem Hinterteil für immer im stillen Örtchen klemmen bleiben, dann sparen wir uns gleich die Kiste für die Beerdigung!“ Da weiß Harms, dass das Frühjahr schon fortgeschritten ist und der Rock immer noch klemmt. „Wieso, nö, wir werden doch alle über 100“, versucht er den Ball zurück zu spielen. „Ja glaubst du, das geht automatisch?“, schimpft sie. „Da musst du was für tun, du Sonntagsbraten!“ Das Gespräch verläuft nicht befriedigend. Über sich mag der Bauer nicht sprechen, da er bereits bei Tisch unauffällig den Hosenknopf zu öffnen pflegt. „Nee, hab ich gelesen. Wir werden alle steinalt, darum müssen wir doch jetzt länger arbeiten“, startet der Bauer eine neue Strategie, „Und dann leben wir alle noch über 30 Jahre glücklich auf Rente!“ „Ja, klar, glücklich aber doof, was? Du bist ja mit 54 schon halb dement, sieh dir mal den Zaun an, das hab ich dir 1000 mal gesagt!“, schnaubt Berta. Jetzt nicht locker lassen, denkt Bauer Harms und geht ins Finale. „Ist doch egal, blechen alles unsere Kinder“, der geht immer, „wofür zahlen wir soviel ein?“ Jetzt reicht es Berta, mit rudernden Armen springt sie auf, drückt dabei den Tisch scheppernd nach vorn und schreit: „Du glaubst doch wohl nicht, dass die uns 30 Jahre was zahlen, wo soll das denn herkommen? Und dann so lange nix mehr im Kopf, nee, dann lieber rechtzeitig abtreten, wie der Sachs!“ Der Bauer hat nachgelesen: „Im Jahr 2060 wird jeder Siebente 80 Jahre oder älter sein und damit sind dann ein Drittel weniger im Arbeitsalter, stand in der Zeitung. Am besten bauen wir den Hof in ein Altersheim um, dann verdienen wir noch was extra. Du machst die Betten und ich Ausflüge mit der Kutsche!“ Doch Berta ist dagegen. „Genau, ich mit 120 Betten machen und du auf dem Bock, ich lach mich tot. Lass uns lieber den Tag genießen!“

„Na dann tu noch mal was auf“, freut sich Bauer Harms, weil die Kuh jetzt vom Eis war, und schiebt seiner Frau den Teller rüber. Die muss nun wieder lächeln und gönnt sich auch noch einen kräftigen Nachschlag.

Aus dem Plattdeutschen übertragen von Robert Marggraff
Kontakt: harms@faktwert.de