Hamburg, 05. Oktober. Steht Griechenland unmittelbar vor der Insolvenz? Ist das Land überhaupt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Diese und weitere Fragen bestimmen im Moment Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Seit über zwei Monaten hält ein möglicher Staatsbankrott Griechenlands die weltweiten Finanzmärkte in Atem und sorgt für teils turbulente Kursausschläge nach oben und unten. Während nun die europäische Politik versucht geeignete Lösungen zu finden, um die drohende Insolvenz abzuwenden, beraten die Regierungen ebenfalls über Mechanismen, die finanzielle Schieflagen von Staaten künftig besser verhindern sollen. Da Europa jedoch meist mit mehr als nur einer Stimme spricht, gestaltet sich dieser Weg äußerst schwierig. Ein Paradebeispiel gibt es allerdings: Vor knapp zehn Jahren stand ein anderes Land an einer ähnlichen, schier ausweglosen Situation – die Türkei. Damals verabschiedete die Regierung einschneidende Wirtschaftsreformen – und erlebt nun einen atemberaubenden Boom.

Marode Banken, Kapitalflucht, sinkende Aktienkurse, enorme Staatsschulden, Entwertung der türkischen Lira, steigende Inflation und verunsicherte Investoren prägten damals das Bild. Die türkische Wirtschaft lag regelrecht am Boden. Ein Großteil der Türken vertraute nicht länger der eigenen Währung und tauschte in Anbetracht einer drohenden Entwertung Lira gegen D-Mark und US-Dollar. Um eine Staatspleite zu verhindern, pumpte der Internationale Währungsfonds (IWF) Milliarden Dollar in das Land. Den Wendepunkt aber brachten erst eine Reihe von Reformen. Davon profitiert die Türkei auch in der aktuellen Krise.

Der damalige Finanzminister Kemal Dervis, zuvor selbst bei der Weltbank, setzte zahlreiche Reformen um. Hierzu zählten eine strengere Überwachung der hiesigen Banken, die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Reduzierung des Haushaltsdefizits. Zudem wurde die Zentralbank unabhängiger. „Wie aus dem Lehrbuch“, schreibt der „Economist“, habe die Türkei die Krise gemeistert und sei auch deswegen vergleichsweise gut durch die Finanzkrise gekommen. Auch aktuell zeigt sich die Türkei unbeeindruckt. Allein im zweiten Quartal 2011 wuchs das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um starke 8,8 %. Inzwischen rückte das Land unter den Industrienationen auf Platz 16 vor.

Dennoch ist ein direkter Vergleich der Türkei von 2001 mit dem griechischen Nachbarn in der aktuellen Situation nur eingeschränkt möglich. Auf der einen Seite kann Griechenland als Euro-Land keine eigene Geldpolitik betreiben. Folglich muss es die Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) hinnehmen. Andererseits wird es Griechenland sehr viel schwerer haben, verloren gegangenes Vertrauen an den Finanzmärkten wieder zurückzugewinnen. Ein weiteres Plus der Türkei: Das Land produziert tatsächlich etwas. Seit Jahren boomt der Bausektor. Türkische Firmen arbeiten sowohl im In- als auch Ausland und exportieren dabei mehr Zement als Unternehmen aus jedem anderen Land. Hinzu kommt die steigende Bedeutung des Tourismus. Mittlerweile kommen Besucher nicht nur aus Europa, sondern zunehmend aus dem Nahen Osten. Zusätzlich zeigt sich die deutlich stabilere Lage in der Türkei als ein weiterer Pluspunkt, der aus Sicht der Märkte nicht zu vernachlässigen ist. Ein Generalstreik wie aktuell in Griechenland ist am Bosporus nur schwer vorstellbar.

Trotz dieser Unterschiede gibt es doch eine Gemeinsamkeit. Um aus der Krise zu kommen, ist eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politikern, Arbeitern und Angestellten gleichermaßen notwendig. Zumindest das kann Griechenland von der Türkei lernen.

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