Hamburg, 25. November. 8,8 % – mit dieser beeindruckenden Zahl wuchs die türkische Wirtschaft im zweiten Quartal. Ungeachtet der weltweiten Schuldenkrise setzte das Land damit seine dynamische Entwicklung aus den ersten drei Monaten des Jahres fort. Im ersten Quartal ließ die Türkei mit einem Wirtschaftswachstum von über 11 % selbst China hinter sich. Dieser enorme Anstieg hat jedoch auch seine Schattenseiten. Unter Anlegern nimmt die Furcht vor einer drohenden Überhitzung der türkischen Konjunktur zu. Gradmesser hierfür ist das stetig steigende Handelsbilanzdefizit.

In den ersten neun Monaten lag dieses bei 60,6 Mrd. US-Dollar. Verglichen mit der gleichen Periode des Vorjahres entspricht dies einer Zunahme von über 100 %. Vor diesem Hintergrund hatte die türkische Notenbank angekündigt, dass Leistungsbilanzdefizit ab Oktober unter Kontrolle zu haben. Ob ihr das gelingt darf angesichts der am 15. November veröffentlichten Zahlen bezweifelt werden. Von September auf Oktober 2011 wuchs demnach das Defizit um weitere 2,8 Mrd. US-Dollar – die Notenbank hat ihren Worten offensichtlich keine Taten folgen lassen.

Seit Jahren importiert die Türkei deutlich mehr Waren, als sie exportiert – und macht dadurch Schulden. Dies liegt zum einen an dem steigenden privaten Konsum aufgrund der günstigen Demografie im Land: 26 % der Türken sind unter 15 Jahre, nur 6 % älter als 65 Jahre. Zum anderen aber auch an der wirtschaftlichen Struktur des Landes. Denn um überhaupt etwas produzieren zu können, ist der Import vieler anderer Rohstoffe und Vorprodukte notwendig. Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Leistungsbilanzdefizit von 10,5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet mit 8,7 % – mit für 2012 steigender Tendenz. Egal ob der IWF oder die OECD Recht behält, gefährlich hoch ist der Wert in jedem Fall.

Bis dato hatte die Türkei keine Schwierigkeiten, den Fehlbetrag zu finanzieren, da genug Geld in das Land floss. Dieses Spekulationskapital kann jedoch sehr schnell wieder abfließen, wenn die Risikobereitschaft der Investoren nachlässt. Dass dieser Prozess anscheinend bereits begonnen hat, lässt sich zum einen am Kursverfall der türkischen Lira ablesen. Andererseits jedoch auch an der Talfahrt der Istanbuler Stock Exchange (ISE) in den vergangenen Monaten: Seit Anfang Oktober verlor der türkische Leitindex über 13 % an Wert.

Ungeachtet dieser Warnsignale setzt Türkeis Ministerpräsident Erdogan weiter auf Wachstum. Seit seine Partei AKP im Jahr 2003 an die Macht kam und mit stabiler Mehrheit regiert, hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht. Unter den Industrienationen rangiert das Land inzwischen auf Platz 16. Bis 2023 will Erdogan das Land unter die ersten 10 führen. Hierfür sind jährliche Wachstumsraten von deutlich über 5 % notwendig. Erreichen will die Regierung dies vor allem auf Grundlage anhaltend niedriger Zinsen. Ob dieses Ziel gelingt, bleibt abzuwarten. Nach aktuellen Einschätzungen darf dies jedoch bezweifelt werden. Analysten der US-Bank Morgan Stanley gehen bspw. von einer deutlichen Abkühlung der türkischen Wirtschaft im kommenden Jahr aus. Vor diesem Hintergrund senkten sie ihre Wachstumsprognose von 4,5 % auf 3,5 % – eine im Vergleich zum Euro-Raum noch immer beeindruckende Zahl. In Anbetracht der Entwicklung in den vergangenen Quartalen dennoch eine deutliche konjunkturelle Delle. Wie nachhaltig sie ist, muss die Zukunft zeigen.

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