Chinas Präsident Wen Jiabao hat auf dem EU-China Gipfel am vergangenen Mittwoch davor gewarnt, sein Land zu einer Aufwertung der Währung zu zwingen. Mit Recht. Denn für die Weltwirtschaft wären die Folgen, nicht zuletzt aufgrund der globalen Verflechtungen auf den weltweiten Finanzmärkten, verheerend. Zahlreiche andere Länder zu einem Abwertungswettlauf starten. Dies könnte die nächste Weltwirtschaftskrise auslösen. Was die Welt in dieser Situation jedoch benötigt, ist Stabilität. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist eine Währungskooperation in der G20.

Es wäre gut, wenn die Europäer eigene Ideen im Umgang mit Asien entwickeln. Präsident Wen hat ihnen die Hand gereicht und versprochen, den Euro zu unterstützen und griechische Staatsanleihen zu kaufen. Europa dankte es ihm, indem der Druck auf eine Yuan-Aufwertung verstärkt wurde. Eine weitere verpasste Chance.

Chinas rapides Wachstum verändert die Welt. Es gibt zwei Arten, darauf zu reagieren: Kooperation oder Konfrontation. Im Zentrum aller Überlegungen steht dabei die Wechselkurspolitik. Seit Jahren fordern die Amerikaner eine Aufwertung der chinesischen Währung und eine Abkehr von einem festen Wechselkurs zum Dollar. Im Juni dieses Jahres haben die Chinesen ein gesichtswahrendes Zugeständnis gemacht und den Yuan leicht gegenüber dem Dollar aufgewertet. Dank Dollarschwäche wurde ihre Währung jedoch gegenüber dem Euro faktisch um neun Prozent abgewertet. Mit diesem Schritt waren die Amerikaner jedoch nicht zufrieden. Aufgrund eines Leistungsbilanzdefizits sowie hoher Arbeitslosigkeit und sind sehr daran interessiert, die chinesische Konkurrenz auf Distanz zu halten. Leider zeichnet Europa in dieser Situation erneut kein eigenes Bild, im Gegenteil. Politiker aller Couleur stimmen in den amerikanischen Kanon ein. Jean-Claude Junker, der Chef der Eurogruppe, wiederholte auf dem Gipfel das alte Argument, der Yuan sei „total unterbewertet“.

Damit hat er zwar Recht. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dieser Zustand derart schlecht ist, dass man ihn muß. Wirtschaftswissenschaftler wissen wenig darüber, wie Wirtschaftwunder entstehen. Unterbewertete Währungen, so hat es die Geschichte immer wieder gezeigt sind zumindest eine notwendige Bedingung dafür. Dies war die Grundlage des europäischen und japanischen Wirtschaftswunders in den 1950er- und 60er-Jahren, es hat in Korea und Ostasiens Tigerstaaten funktioniert. Heute folgt China dem Beispiel. Eine Aufwertung des Yuans würde den gewaltigen chinesischen Aufholprozess abrupt abbrechen und damit auch die Nachfrage nach Exportgütern aus Europa beenden.

Wem würde das nützen? Protektionisten in Amerika und Europa glauben, sie könnten auf diese Weise Jobs bewahren und den Sozialstaat retten. Doch weit gefehlt. Am Ende werden neue Arbeitsplätze nur geschaffen, wenn Firmen investieren. Dafür braucht es aber eine starke Nachfrage aus dem In- und Ausland. Gerade Gruppen mit niedrigem Einkommen profitieren von Billigimporten aus Asien. Sie erhöhen die Kaufkraft europäischer Löhne und verhindern damit eine Inflation. China und Asien sind heute zu einem der wichtigsten Außenmärkte der Europäischen Union geworden, wichtiger als die USA.

Europas Interessen sind anders als die der Amerikaner. Während die Leistungsbilanz der USA tiefrot ist und internationale Verbindlichkeiten die Aktiva weit übersteigen, ist die Euro-Zone in ihren Außenbeziehungen weitgehend ausgeglichen. Amerika müsste folglich abwerten. Dies hätte allerdings einen extrem überbewerteten Euro zur Folge. Europa würde damit die Last der weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte tragen – mit verheerenden Konsequenzen für Arbeitsplätze und sozialen Frieden.

Es ist also in Europas Interesse, dass das Wirtschaftswachstum in Asien erhalten bleibt und der Euro nicht zu stark wird. Anstatt die Chinesen zur Selbstaufgabe zu zwingen, wäre es intelligenter zu helfen. So könnte die chinesische Währung ihre Anknüpfung an den Dollar aufgeben und an einen Währungskorb wechseln, der zunächst aus Euro und Yen besteht. Dieser kann sich später zu einer echten Weltreservewährung entwickeln. Damit würde die notwendige Korrektur der Weltwirtschaft gleichmäßig auf alle Schultern verteilt, ohne dass die Europäer für alle zahlen müssten.

Wenn der Yuan an Euro und Yen gebunden wäre, würden chinesische Währungsreserven stärker in diesen Währungen darüber hinaus gehalten. Eine Stimulation der Finanzmärkte in Europa und Japan wäre die Folge. Asiaten würden dadurch sehr viel mehr europäische und japanische Staatsanleihen kaufen, was in Anbetracht der gegenwärtigen Euro-Krise nur wünschenswert ist.

Eine andere, intelligentere Politik ist möglich. Präsident Wen hat bereits Zeichen gesetzt, China ist bereit zu kooperieren. Europas Politik sollte kooperieren statt konfrontieren.