Hamburg, 26. Juli. Der Bauer hat es sich zur lieben Angewohnheit gemacht, sonntags, wenn Berta noch schnarcht, seinem Hobby nachzugehen. In bettwarmer Unterwäsche schleicht er durch die Waschküche hinten raus bis zum Schuppen. Und daneben steht ein vergessenes Plumpsklo, vom Besitzer wegen seiner strategischen Bedeutung liebevoll „Oval Office“ genannt. Stand, müsste man eher sagen. Denn als Harms in heller Schlafkleidung so um die Ecke schlurft, ist das einzige, was vom Zentrum der Macht noch zu finden ist, ein brauner Fleck im feuchten Gras, etwa in der Größe der ehemaligen Grundfläche. „Nein“, flüstert er, „neeein“, brüllt er, aber außer ein paar Brummern, die sich auch für die Grundfläche interessieren, hört ihn keiner. So schnell ihn die Pantoffeln tragen, flitzt er durch die kalte Küche ins warme Schlafzimmer. „Alarm“, brüllt er da Richtung Ehebett. „Überfall“, kommt noch einmal wimmernd über seine Lippen. Berta verwickelt sich in der Decke beim Versuch sich zu retten und stürzt aus dem Bett. „Was, was, was?“, stammelt sie durch ein sich bildendes Luftloch. „Das Klo ist weg, das Zentrum der Macht und Weisheit, der Mittelpunkt der Erde – verschüttet, ich bin ruiniert!“ „Wir haben doch hier nebenan ein Badezimmer mit Schüssel, wenn ich mich recht erinnere“, wirft sie in morgendlichem Missmut ein. „Und wenn Du mich weiter schlafen lässt, darfst Du da auch lesen“, spricht sie und versucht es sich in ihrer neuen Lage bequem zu machen. Doch Bauer Harms lässt nicht locker. „Das alte Plumpsklo ist weg und darin waren wichtigste Informationen verborgen, am Haken“, versucht er eine Erklärung. Inzwischen hat sich die Lockenfrisur Bertas mit doppeltem Volumen Richtung Licht gearbeitet. „Das Häuschen hab ich geschreddert, war kurz davor, sich selbständig zu machen. Da hat Opa schon drauf gesessen – wirst Du jetzt nostalgisch?“

Beim Frühstückskaffee versucht Bauer Harms das unappetitliche Geheimnis zu lüften. „Der Postbote bringt mir heimlich jeden Freitag eine anonym verpackte Wirtschaftszeitung. Die hab ich dann in Artikel zerrissen, die wichtigen hinten, die unwichtigen vorne am Haken. Von da aus hab ich die Ausrisse dann verbraucht – vorne zum putzen, hinten zum nutzen. Nach diesem System ergab sich so ein Archiv wertvollster Informationen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen. Und Du wirfst das einfach so weg.“ Berta kontert: „So einfach nun auch nicht. Sie haben noch ihren Zweck erfüllt und dienen den Erdbeeren bald als wertvolle Hilfe!“ Für Harms ist der Sonntag gelaufen. Er steht mit nichts in der Hand da. Aber das meiste hat er noch in seinem Kopf. Darum geht er zu dem kleinen Telefontisch und kramt den Zettelkasten raus, um das Wichtigste handschriftlich festzuhalten. Natürlich sind alle Zettel verkritzelt – bis zum ersten weißen Blatt muss Harms fast den halben Kasten in den Papierkorb kippen, dann legt er los. Mit dem Bleistift im Mund versucht er den Einstieg zu finden, beschließt dann jedoch spontan, im Schuppen nach dem Rechten zu sehen. Gerade als er durch die Tür verschwinden will, der zweite Schrei des Tages: „Rolf, du trübe Tasse, was hast du mit meinen Notizen gemacht?“ Harms kehrt schuldbewusst zurück und schaut in den Papierkorb, den Berta ihm ins Gesicht drückt. „Das waren doch nur Kritzeleien im Papierkasten“, startet er seine Verteidigung. „Das ist mein Notizkasten. Alle Nummern, alle Termine, alle Namen – Finger weg!“

„Was für den einen wichtige Aufzeichnungen sind, ist für den anderen nur schmutziges Papier“, lacht Bauer Harms über seine Erkenntnis. Und nach einer Weile sieht auch Berta, dass eine Information nur dann wichtig ist, wenn man deren Wert erkennt.

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