Hamburg, 13. August. Experten erwarten bis zum Jahr 2035 eine Verdoppelung des weltweiten Energiebedarfs. Erneuerbare Energien werden – bei einem prognostizierten jährlichen Wachstum von 5,2 Prozent – dabei rund ein Drittel der elektrischen Energie bereitstellen. Damit es den Erneuerbaren jedoch bis zum besagten Zeitpunkt gelingt, Kohle als den derzeit größten Energielieferanten abzulösen, kommt der Wasserkraft eine entscheidende Rolle zu. Unter den Erneuerbaren Energien ist sie nicht nur der mit Abstand größte Energieträger, sondern mit einem Wirkungsgrad von bis zu 95 Prozent auch der effizienteste. Derzeit liegt ihr Beitrag am globalen Strombedarf bei etwa 16 Prozent – und damit vor der zweitplatzierten Windkraft.

Theoretisch ließe sich mit Wasserkraft der Elektrizitätsbedarf der gesamten Welt decken. Das ökonomisch nutzbare Potenzial liegt weltweit bei rund 3.800 Gigawatt (GW). Die International Energy Agency (IEA) rechnet damit, dass bis zum Jahr 2035 über 720 GW neu zugebaut werden könnten. Derzeit sind rund 1.000 GW installiert. Doch die natürlichen Voraussetzungen zur Wasserkraft-Nutzung sind weltweit höchst unterschiedlich verteilt. So verfügt Asien über rund 50 Prozent der Reserven, Amerika über 30 Prozent, Afrika über zehn Prozent und Europa über acht Prozent. Doch während insbesondere in den hochentwickelten Industrienationen der Ausbau der Wasserkraft zu einem großen Teil abgeschlossen ist, verfügen einige Wachstumsländer noch über unerschlossenes Potenzial. Grund hierfür ist u.a., dass in diesen Ländern ein bedeutender Zuwachs beim Stromverbrauch zu erwarten ist. Der größte Zubau erfolgt voraussichtlich in Asien und Lateinamerika und hier vor allem in den Ländern China und Brasilien. In Europa bietet vor allem die Türkei noch unerschlossene Potenziale.   

China

Erst kürzlich hatte Chinas Ministerpräsident Li Kegiang deutlich gemacht, dass ein jährliches Wirtschaftswachstum unter sieben Prozent inakzeptabel sei. Um dieses Wachstum zu gewährleisten, ist die Volksrepublik sowohl weltweit als auch im eigenen Land auf der Suche nach Energiereserven. Bereits heute verbraucht kein anderes Land der Welt mehr Energie, bis 2035 wird der Verbrauch sogar um 77 Prozent höher ausfallen, als jener der zweitplatzierten USA.

Auch wenn derzeit noch dreiviertel des chinesischen Energiebedarfs  aus Kohle gedeckt wird, entwickelt sich der chinesische Markt für Erneuerbare Energien sehr dynamisch. Dem Nachrichtenportal Bloomberg zufolge könnte China für den Ausbau von regenerativen Energien bis 2015 Jahren bis 221 Mrd. Euro investieren. Das berichtet das Nachrichtenportal »Bloomberg« unter Berufung auf einen chinesischen Regierungsvertreter. Grund sind die von der Regierung vorgegebenen Ziele für eine saubere Energieerzeugung. Im Jahr 2010 betrug die Leistung durch Wasserkraft 216 GW, was einem Anteil von 22 Prozent an der installierten Gesamtleistung entspricht. Windkraft kam gerade einmal auf drei Prozent, während Nuklearstrom nur ein Prozent zur Kapazität beitrug. Für die Periode von 2011 bis 2015 sieht der chinesische Fünf-Jahres-Plan vor, 120 GW an Wasserkraft zuzubauen, bis zum Jahr 2035 wird sich die Erzeugungskapazität dann auf voraussichtlich 420 GW weiter erhöhen. Dies macht Investitionen in die Energieversorgung in Höhe von über 300 Mrd. US-Dollar notwendig.

Brasilien

Brasiliens Wirtschaft wuchs in den vergangenen Jahren konstant. Einen zusätzlichen Wachstumsschub erwartet sich die heimische Wirtschaft jedoch von der WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016. Um dem steigenden Energiebedarf der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt zu decken, soll bis 2020 der Anteil der Erneuerbaren Energien 83 Prozent zur gesamten installierten Kapazität beitragen. Obwohl die Wasserkraft im Jahr 2010 bereits 76 Prozent zum nationalen Strommix beitrug, soll der Ausbau auch künftig in hohem Tempo vorangetrieben werden. Die IEA schätzt, dass von den 231 Mrd. US-Dollar, die Lateinamerika bis 2035 voraussichtlich in die Energieversorgung durch Wasserkraft investieren wird, auf Brasilien mit 117 Mrd. US-Dollar nahezu die Hälfte entfällt. Im gleichen Zeitraum erhöht sich die Erzeugungskapazität der Wasserkraft auf über 130 GW. Zum Vergleich: 2011 lag sie noch bei 89 GW.

Südosteuropa – Türkei

Mit rund 70 Prozent Anteil an den Erneuerbaren Energien ist die Wasserkraft in Europa die wichtigste regenerative Energiequelle. Derzeit hat sie einen Anteil von rund 19 Prozent an der gesamten Energieerzeugung. Die installierte Kapazität aus Wasserkraft in den EU-27-Ländern betrug 136 GW in 2011, bis 2035 rechnet die IEA mit einem weiteren Zubau von 50 GW. Doch das vorhandene Wasserkraftpotenzial ist in Europa höchst unterschiedlich verteilt. Die EU-15-Länder verfügen in Europa mit 165 Terawattstunden pro Jahr (TWh/Jahr) zwar über das größte Potenzial – nutzen aber bereits 72 Prozent davon. Südosteuropa verfügt mit 145 TWh/Jahr dagegen über ein vergleichbares Potenzial – erschlossen sind hiervon aber erst rund 40 Prozent.

Die Gründe, warum Südosteuropa Westeuropa bei der Potenzialerschließung Nachholbedarf hat, sind vielfältig. Ein wesentlicher Faktor ist, dass sich der Energiesektor bspw. in der Türkei lange Zeit in staatlicher Hand befand. Planwirtschaftliche Strukturen während des Kalten Krieges machte die Entwicklung eines freien Marktes unmöglich. Während die Stromerzeugung auf zentralisierten Großstrukturen basierte, blieben dezentrale Projekte, wie sie in Westeuropa üblich sind, Mangelware. Oft fehlte es zudem an Kapital und technischem Know-how, um die Stromerzeugung effizient zu gestalten. Hinzu kommt, dass die Strompreise aus politischen Gründen oft niedrig gehalten wurden.

Bei einem nutzbaren Wasserkraftpotenzial von 16 Prozent ist die Türkei eines der wenigen OECD-Länder, in dem die Zubau-Grenze noch lange nicht erreicht ist. Von jährlich möglichen 128 TWh aus Wasserkraft werden derzeit lediglich 36 Prozent bzw. 46 TWh genutzt. Dass der Ausbau der Wasserkraft dort künftig rasant zunehmen wird, scheint gleich vor mehreren Hintergründen realistisch: Die Türkei verfügt über herausragende topografische Voraussetzungen zur Förderung von Wasserkraft. Aufgrund des prognostizierten Wirtschaftswachstums von über 3,5 Prozent in 2013 und der starken Binnennachfrage herrscht ein immenser Energiebedarf. Das Land am Bosporus zählt zu einem der am schnellsten wachsenden Strommärkte der Welt. Experten erwarten allein in den kommenden acht Jahren eine Vervierfachung des Elektrizitätsbedarfs. Aktuell muss die Türkei den einheimischen Energiebedarf noch zu rund 80 Prozent aus Importen decken. Um das Land in Energiefragen unabhängiger zu machen, ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien und dabei insbesondere der Wasserkraft alternativlos.

Obwohl die Fördermöglichkeiten in den meisten OECD-Ländern nahezu erschöpft sind, wird der Beitrag der Wasserkraft zum globalen Strombedarf auch 2035 noch relativ konstant bei 15 Prozent liegen. Grund hierfür ist, dass die Erschließung in den Jahren bis 2035 zu annähernd 90 Prozent in Nicht-OECD-Ländern erfolgt, hier vor allem in den Wachstumsländern China und Brasilien. Innerhalb der OECD-Länder verfügt insbesondere die Türkei noch über unterschlossenes Potenzial. Um das Wirtschaftswachstum konstant hoch zu halten und um den steigenden Pro-Kopf-Verbrauch an Strom künftig abzudecken, ist der weitere Ausbau der Wasserkraft in diesen Ländern alternativlos – und gleichermaßen politisch gewollt.