Hamburg, 26. Juli. Griechenland droht der fünfte Staatsbankrott in 160 Jahren. Die deutsche Bundesregierung zeigt sich nicht bereit, dem Land weitere Darlehen in Höhe von 50 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen. Doch auch wenn die Griechenland-Hilfen in der Öffentlichkeit nie auf große Gegenliebe stoßen, wirft diese plötzliche Kehrtwende doch Fragen auf. Ist es nicht allein im Hinblick auf das bereits geflossene Geld des deutschen Steuerzahlers geboten, Griechenland mit frischem Geld zu versorgen und somit in der Eurozone zu halten? Oder ist ein „Schrecken mit Ende“, also die Pleite des Landes, für Europa kalkulierbar und somit als Lösung vorzuziehen? Selbst die Ökonomen scheinen keine Rat zu wissen, ob besser Geld in die Hand genommen, oder nicht doch lieber gespart werden solle. Es beschleicht einen gar das Gefühl, dass die derzeitige Krise nicht nur eine Krise der Politik und ihrer Institutionen sei, sondern auch der Wirtschaftswissenschaften selbst. Einheitliche Beurteilungen seitens der Experten sind Mangelware, Ihre Modelle scheinen keine Antworten auf das derzeitige Krisenszenario zu geben – und mit ihren Empfehlungen, die über Jahre die Politik beeinflusste, haben sie die Katastrophe möglicherweise mit verursacht.

Empfehlung an die Politik

Im Glauben daran, dass die Wirtschaft selbstständig zu stabilen Gleichgewichten findet, lautete eine der Empfehlung der Ökonomen an die Politik, der Markt möge sich möglichst selbst überlassen bleiben. Damit wurde der intellektuelle Überbau für die Deregulierung geliefert – und die deregulierten Finanzmärkte bilden heute das Epizentrum der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Betrachtungsweise der Wirtschaftswissenschaften ist also ein Teil des Problems. Um auch ein Teil der Lösung zu sein, bräuchten die Ökonomen Modelle, die Lösungsvorschläge für die derzeitige Krise anbieten. Katastrophenszenarien spielten jedoch in ihre Methoden, Theorien und wissenschaftlichen Annahmen meist keine Rolle. Da sich die Volkswirtschaften stets im Gleichgewicht befanden, bestand für die Ökonomen offensichtlich keinen Grund, vom gegenteiligen Fall auszugehen. Daher tun sie sich heute schwer, die aus der Krise resultierende wirtschaftliche Entwicklung abzuschätzen – die Ursachen und Interaktionen der Krise sind zu komplex, um sie auf die Schnelle adäquat analysieren zu können und in einem allgemein gültigen Paradigma mit den entsprechenden Lösungsvorschlägen zu formulieren.

Orientierung an den Naturwissenschaften

Doch wie konnte es dazu kommen, dass die Wissenschaftler den Krisenfall nicht in ihre Überlegungen einbezogen? Ein Grund hierfür könnte die Orientierung der Wirtschaftswissenschaften an den Naturwissenschaften sein. Mathematisch ausgeklügelte Modelle lieferten in Zeiten der Stabilität zwar wichtige Erkenntnisse, müssen sich aber im Krisenfall den Vorwurf des mangelnden Realitätsbezuges gefallen lassen. Ein Beispiel hierfür ist das vielen Modellen zugrunde liegende Menschenbild. Ökonomen sind davon ausgegangen, dass die Teilnehmer am Markt immer rational agieren und – ebenso wie Unternehmen – alle verfügbaren Informationen stets effizient verwerten. Doch wie sich gezeigt hat, ist das wirtschaftliche Verhalten der Akteure nicht immer rational bestimmt. Für den Herdentrieb und eigennütziges Handeln an den Finanzmärkten war in den Modellen kein Platz vorgesehen. Hierbei könnte es sich um einen möglichen Grund handeln, warum die Krise im makroökonomischen Zusammenhang keine Erwähnung findet: Die methodische Verengung durch das Menschenbild suggerierte, dass die vernünftigen Akteure am Markt es nicht zum Äußersten kommen lassen würden.

Ob die deutsche Bundesregierung nun weitere Griechenland-Hilfen auf den Weg bringt oder nicht: Fakt ist, dass eine mögliche griechische Pleite die Folge einer über Jahrzehnte verfehlten griechischen Wirtschaftspolitik ist. Dennoch kann es auch seitens der Ökonomen kein einfaches „weiter so“ geben. Sie sind Teil des Systems und damit Teil der Krise. Die Wirtschaftswissenschaftler haben nun Möglichkeit und Auftrag, Lehren aus der Krise zu ziehen und können dort auf Realitätsnähe setzen, wo die Modelle vorher mit formaler Eleganz glänzten. Bis zur nächsten Krise.

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